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4 Wochen Interrail – (k)ein Reisebericht!

4 Wochen Interrail – (k)ein Reisebericht!

Ich sitze im „Silent Room“ der Budapester Bleibe für meine Nächte hier in Ungarn. Eigentlich wollte ich die skurrilen Erlebnisse und coolen Hosteltipps meiner letzten Wochen quer durch Südosteuropa für euch zusammentippen, aber es kommt anders.

Während ich gerade vom Kaffeestalken (im Straßencafe abhängen und bei einem 2-stündigen Cappuccino vorbeilaufende Menschen beobachten) zurück hier her gelaufen bin, ist mir Eines erschreckend klar geworden: Es sind nicht Hipster, es sind nicht Smartphone-Aliens, es sind nicht Trendtätowierte, es sind nicht… der Mensch an sich ist komisch, komisch geworden!

Soziale Impotenz und Smalltalk. Während es die Einen aufgrund ihrer tiefsten Verbundenheit zu Smartphone, Netflix und Co schon gar nicht mehr ans Tageslicht schaffen und lieber 24/7 in der tageslicht- und frischluftfremden Kabine vor sich hinvegetieren, sind die Anderen damit beschäftigt sich und ihre Mahlzeiten ins likeversprechenste Instagram Licht zu rücken. Ich erlebe in den letzten Tagen kaum noch ein gesundes Mittel, eine sinnvolle, eine effektive Nutzung von Medien und Kommunikation oder den Genuss Neues zu sehen und wahrzunehmen. Selbst Paare in gereiftem Lebensalter nutzen ihre Handys als willkommene Flucht vor jeglichem Dialog zu Kaffee und Kuchen, deren heilige Zeit und Gespräche sie ihren Enkeln noch vor Jahren mit elitärem Drill beibringen wollten. Wenn kommuniziert wird, dann durch scrollen, zeigen, Wortbruchteile der Nichtigkeit und wieder abtauchen in die digitale Belanglosigkeit. Wobei, belanglos will sich hier beim besten Willen und mit größter Gegenwehr niemand präsentieren. Die warme Mahlzeit wird so oft gedreht, perfekt beleuchtet und dann aus verschiedensten Winkeln fotografiert, bis sie zur kalten Platte verkommen ist. Was aber scheinbar keine Rolle spielt, denn Temperaturen und den tatsächlichen Geschmack nimmt im digital sozialen Freundeskreis (Stand heute) zum Glück noch niemand wahr. Wichtig ist die Wirkung und vermittelte Botschaft: Awesome! Übrigens, „awesome“ ist hier und jetzt sowieso alles. Egal wo du herkommst, egal wie du heißt, egal was du machst oder auch nicht: In Kreisen der jungen, hippen Reisegeneration ist alles „awesome“, bis der Gegenüber sich kurz wegdreht (um dem Vibrieren nachzugeben und ultrawichtig auf sein Smartphone zu starren) oder der inhaltsfreie Smalltalk ein endgültiges Ende findet. Dann wird dem Freund oder der Freundin die wahre Langeweile des Backpackers von Nebenan in Landessprache gebeichtet. Warum führt ihr solche Gespräche, die mit „how are you“ beginnen und mit „all the best“ enden, wenn sie euch einen Hauch oder gar Nichts bedeuten? Kommuniziert offen, ehrlich und voller Begeisterung oder lasst es bleiben! Wenn euch euer Reiselebenslauf wirklich so wichtig ist wie euer selbstverliebtes Gequatsche es transportiert, dann vermittelt immerhin greifbaren Mehrwert an euren Gegenüber, als euch an eurer Selbst im immer positiv scheinenden Facebook-Timeline-Style aufzugeilen.

Innere Leere füllen. Abgesehen von der Zweckentfremdung des Smartphone zur zweiten Handtasche bzw. Gegengewicht zum falsch trainierten Bizeps, scheint der Mensch im städtischen Alltag generell weit entfernt von Präsenz. Präsenz im Hier und Jetzt, der Wertschätzung für den einen Moment. Beobachtet man sie in einer ruhigen Minute aus der Ferne, wirken sie häufig wie fremdgesteuert. Fremdgesteuert von Geräten der Menschen, zumindest zum Teil, deren Absicht diese erschreckende Entfernung von der Realität sicher nicht gewesen ist. Ich kann mir nur schwer vorstellen das es die Vision von Steve Jobs und anderen digitalen Pionieren war, dass sich die Menschheit durch iPhone und Co voneinander entfernen sollten. Aber woran liegts? Warum ist genau das der Effekt der Smartphonisierung im Jahr 2018? Aus meiner Sicht ist das Smartphone nicht der Hintergrund, sondern lediglich ein Werkzeug mit dem fehlende Selbstreflektion kompensiert wird.

Nehme dir die Zeit und hinterfrage dich einmal kritisch, wann du förmlich aus dem Nichts und reflexartig zum Smartphone greifst und wann du guten Gewissens darauf verzichten kannst. Sind es nicht häufig die Momente, in denen sich eine innere Unruhe aufbaut, sich unangenehme Gedanken im Hinterstübchen formieren oder es dir gar erschreckend schwerfällt Langeweile auszuhalten? Wir haben verlernt, Langeweile als hohes Gut zu betrachten und die innere Stille zu genießen. Häufig verbinden wir auch damit ein ungutes Gefühl, dass wir gerade nicht messbar produktiv sind. Wer Nichts tut, ist nicht effektiv, ist nicht zu gebrauchen, hat also keinen Wert. Und was fällt Menschen mit gebrochenem Selbstwert schwerer, als nicht gut genug zu sein? Wenn du es schaffst dieses Gefühl zu greifen, es zu hinterfragen, einzuordnen und anschließend als positiv zu belegen, bist du präsenter und kannst den Moment und die Stille als Energiequelle nutzen. Als Nebeneffekt dazu bleibt das Füllen dieser vermeintlichen Leere durch den Griff zum Handy ganz automatisch immer häufiger aus.

Um euch den Eindruck direkt zu nehmen, dass ich jetzt der spirituelle möchtegern Überflieger bin oder werden will, zitiere ich hier eben noch Curse aus seiner aktuellen Platte:

Erleuchtung kann im Späti kommen du musst nicht nach Indien.

Haltet die Augen und Ohren offen, gebt jedem eurer Gedanken eine Chance und lebt, lebt doch einfach!

be vogelfree
Chris

7 Comments

  1. Holger Schönherr · 9. September 2018 Reply

    Da gebe ich dir recht lieber Chris. Ich mache mein Handy am Abend aus und lass es mindestens 1h vorm ins Bett gehen auch aus. Es gibt so tolle Möglichkeiten das Handy zu nutzen um mein Leben zu organisieren und Neues zu lernen. TED Talks oder YouTube videos sind eine so coole Chance schnell neues zu lernen. Kartentricks, Jonglieren lernen, wie kann ich meditieren… für jeden ist was dabei.

    Jeder darf für sich selbst entscheiden wie er leben möchte. Wie ist mein Leben in richtig? Wenn ich entscheiden kann, sehe ich dann wirklich alle 10 min welche Nachrichten ich erhalten habe und definiere mich darüber?

    Wer bist du? Wer willst du sein? Wie willst du sein?

    Ich für meine Teil habe entschieden selbstbewusst und wenigstens witzig zu sein. Und, due Welt besser zu verlassen, als ich sie vorgefunden habe.

    Euer Holger

  2. Thomas · 12. September 2018 Reply

    Ausgezeichnet mein Freund!
    So viele hippe, junge oder junggebliebene (?!) Anfang-bis Mittdreißiger, um in unserer Altersgruppe zu bleiben, reden von Entschleunigung und work-life-balance und dem ganzen Unfug ohne sich bewusst zu werden, wie viel Zeit man ohnehin hat, wenn man sie sich nimmt. Wofür auch immer… wollen wir uns allen wünschen, dass es etwas ist, dass uns glücklich macht. So, leicht gesagt und dennoch schwer umsetzbar.
    Äußerst befreiend habe ich persönlich jedenfalls die für mich gültige Tatsache empfunden, dass der „Käfig der sozialen Zwänge“ immer offen steht, nur hinausfliegen muss man selbst.
    In diesem Sinne – weitermachen Sir und bis bald in Neuseeland 😉

  3. Aufgegleist durch Südosteuropa - vogelfree.de - Leb's doch einfach! | vogelfree.de – Leb's doch einfach! · 2. Oktober 2018 Reply

    […] ich die kritische Brille meines Interrail Abenteuers abgelegt habe, möchte ich euch natürlich auch die unfassbar vielen […]

  4. Patrick · 5. Oktober 2018 Reply

    Sehr wahre Worte!
    Diese Entwicklung beobachte ich nun auch schon eine ganze Weile. Als Informatiker und Mitbegründer dieses Phänomens (intensiver Smartphone-Nutzer schon Jahre vor dem iPhone) sehe ich das Thema von beiden Seiten. Einerseits als sozialer Mensch, der sich selbst immer öfter beim Scrollen und hin und herwechseln zwischen „Content“ Apps erwischt – andererseits als Technikfreund, der sich gerne mit der bedeutenden Erfindung im Consumer-Bereich, dem Smartphone, beschäftigt.
    Menschen, die fast vom Fahrrad erfasst werden, weil sie aufs Handy starrend auf die Straße laufen,
    Freundesgruppen, die gemeinsam am Tisch sitzen und jeder Zweite gerade etwas tippt oder scrollt? Liegt es daran, dass man sich nach einer Stunde bereits leergequatscht hat, oder dass man alle News vom Gegenüber eh schon seit Tagen per Social Media mitbekommen hat?

    Für mich jedenfalls ist der Zeitpunkt gekommen, mich wieder in die andere Richtung zu bewegen. App-Zeitlimits, ein nerviger schwarz-weiß Modus aber einer bestimmten Uhrzeit und ein Rückzug des privaten Lebens aus Social Media sind bisher schon sehr erfolgsversprechende Mittel, die meine Techniknutzung umgekrempelt haben (Bewusster und zielgerichteter, anstatt im Zombie-Modus).

    Und weil es gerade so gut passt, möchte ich von einem jüngst erlebtem Gegenbeispiel berichten:
    4 Tage Hütte in den Bergen, wenig bis kein Netz, kein WLAN –> Menschen unterhalten sich, spielen Spiele, haben Spaß, der Akku hält ewig! Und wurden die Smartphones benutzt? Ja, zum Fotografieren um die Erinnerungen an diese tolle gemeinsame Zeit zu konservieren. So muss es sein!

    VG
    Patrick

    • vogelfree · 5. Oktober 2018 Reply

      Hey Patrick, cooles Feedback! 😉 Ich glaube auch das es das Smartphone generell nicht zu verfluchen gilt, sondern die Art und Weise es zu nutzen. Es ist durchaus möglich es „effektiv“ und auch gerne ab und an als Zeitvertreib einzusetzen. Die Kunst ist eben wie so oft das gesunde Mittel…

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